Neresheim

Alles auf Anfang

Jährlich erleiden 250.000 Menschen ein Schädel-Hirn-Trauma, fünf Prozent sind schwer betroffen. Dr. Petra Maurer-Karattup vom SRH Fachkrankenhaus Neresheim hat ein diagnostisches Verfahren entwickelt, um festzustellen, wie bewusst die Patienten ihr Umfeld wahrnehmen.

 

„Erinnerungen kommen wie Mosaiksteine zurück und bilden nach und nach ein Bild von meinem Leben. Je länger der Unfall her ist, desto mehr Bruchstücke tauchen auf.“ Thomas Hensler hat nach einem Sturz ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten. Mittlerweile kann er wieder sprechen, macht Ausflüge mit seiner Familie und fährt sogar wieder Fahrrad.
Dr. Petra Maurer-Karattup, Leiterin der Neuropsychologie am SRH Fachkrankenhaus Neresheim, hat ihn ein Stück auf seinem Weg zurück ins Leben begleitet.

12. Mai 2013: Thomas Hensler ist nachts mit dem Fahrrad auf dem Weg von einem Freund nach Hause. Es ist dunkel. Plötzlich stürzt er, dann reißt die Erinnerung ab. Schuld an dem Sturz ist eine Euro-Palette, die Jugendliche auf die Straße gelegt haben. Thomas Hensler erleidet ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Die Prognosen stehen schlecht, dass er überhaupt überlebt. Es folgen sechs Tage Intensivstation und vier Wochen im Koma. Doch sein Zustand bessert sich, langsam. In den nächsten dreieinhalb Monaten kämpft er sich vom Wachkoma in den minimal bewussten Zustand. Alles muss neu erlernt werden, sogar das eigenständige Atmen. „An diese Zeit habe ich keine Erinnerung“, sagt er. Seine Frau, sein Sohn und seine Tochter besuchen ihn, versuchen mit der Situation klarzukommen.

Thomas Hensler kommt nach der Akutbehandlung ans SRH Fachkrankenhaus Neresheim und wird auf der Station für neurologische Frührehabilitation behandelt. Dr. Petra Maurer-Karattup testet seine Aufmerksamkeit, die visuelle Wahrnehmung, die Sprachverarbeitung, die Orientierung und das Gedächtnis sowie die Handlungsfähigkeit. Sie hat ein Verfahren entwickelt, das sogenannte „Instrument zur Differentialdiagnostik von Bewusstseinsstörungen (IDB)“. Dabei wird detailliert getestet, wie der Patient auf seine Umwelt, beispielsweise auf ein Bild, reagiert. „Selbst die kleinsten Reaktionen, wie ein Zucken oder ein Zwinkern, werden dokumentiert. Auf dieser Grundlage können Therapiepläne abgestimmt und Fähigkeiten weiter trainiert werden“, sagt Maurer-Karattup.

„Es passiert leider nicht so oft, dass sich jemand so hervorragend wie Thomas Hensler entwickelt, aber theoretisch ist alles möglich. Selbst nach Wochen und Jahren kann sich das Gehirn noch regenerieren, indem zum Beispiel neue Verbindungen von Nervenbahnen aufgebaut werden“, erklärt die Neuropsychologin.

Diese Methode hat Thomas Hensler geholfen, schrittweise Dinge neu zu lernen und in Kontakt mit seiner Umwelt zu treten. Heute fährt er wieder Mountainbike und erinnert sich an weiter zurückliegende Ereignisse wie Hochzeit und Weltreise. „Die Erinnerungen kommen stückweise zurück, vor allem, wenn ich Bilder sehe. Ich bin sehr ehrgeizig“.

Mit Neuropsychologen und Logopäden trainiert er noch zwei Jahre nach dem Unfall regelmäßig. „Ich bin sehr froh, die Zeit mit meiner Frau und meinen Kindern genießen zu können. Und meine Leidenschaft fürs Fahrradfahren habe ich nicht verloren. Man braucht eben viel Geduld“, berichtet er.

 

Bild oder PDF-Datei zum Download: