„Ihr setzt auf der Mitte des Oberarms die Basis ohne Zug, führt dann mit 10 bis 15 Prozent Spannung das Tape nach vorne oben raus bis aufs Schulterdach und ankert dort ohne Zug.“ Mit geübten Händen arbeitet Sebastian Terjung den blauen Klebestreifen gleichmäßig am Arm des Probanden hoch, während er den umstehenden Azubis und Studenten erläutert, wie sich so die schwache Schultermuskulatur eines Schlaganfallpatienten aktivieren lässt. Anschließend muss der Nachwuchs selbst ran und am Nachbarn üben.

Seit sich vor rund zehn Jahren Fußballer wie David Beckham und Mario Balotelli ihre Trikots abstreiften und dabei erstmals die bunten Klebestreifen auf ihren Rücken zeigten, hat Kinesiotaping eine Erfolgsgeschichte sondergleichen hingelegt: keine internationale Sportveranstaltung, kein privater Lauftreff mehr ohne getapte Athleten. Auch aus der Behandlung von Patienten ist dieses na­turheilkundliche Therapieverfahren kaum noch wegzu­denken. „Es gehört mittlerweile fest zum Handwerkszeug eines Physiotherapeuten“, sagt Terjung, der an den SRH Fachschulen unter anderem Physiotherapeutische Chirurgie, Orthopädie und eben Kinesiotaping unterrichtet. „Deshalb haben wir es an unserem Standort Lever­kusen seit Herbst fest in die Ausbildung integriert.“
 

SRH Fachschulen bilden Physiotherapeuten aus

An den SRH Fachschulen haben angehende Physiotherapeuten die Wahl zwischen zwei Bildungsgängen: eine dreijährige Ausbildung mit staatlicher Anerkennung oder ein ausbildungsintegrierendes Studium. Bei Letzterem wird die Ausbildung mit einem Studium in Zusammenarbeit mit der SRH Hochschule für Gesundheit Gera verknüpft. Die Teilnehmer schließen nach sieben Semestern mit dem akademischen Grad Bachelor of Science in Physiotherapie ab. Die Ausbildung sowie das Studium finden an den SRH Fachschulstandorten in Karlsruhe, Stuttgart und Leverkusen statt. Das ausbildungsintegrierende Studium gibt es auch für die Logopädie.

www.die-fachschulen.de / Gesundheit / Physiotherapie Ausbildung
www.srh-gesundheitshochschule.de / Studium / Bachelor

Wirken auf und unter der Haut

Entwickelt wurde Kinesiotaping von dem Chiropraktiker Kenzo Kase bereits Anfang der 1970er-Jahre: Der Japaner wollte den Erfolg seiner Chirotherapie mit einem sanften Unterstützungseffekt verlängern und bei seinen Patienten die Selbstheilungskräfte des Körpers aktivieren. Konkret werden dazu elastische, selbstklebende Baumwollbänder mit unterschiedlicher Spannung und in genau festgelegter Reihenfolge und Zugrichtung auf den entsprechenden Körperteilen aufgebracht. Je nach Einsatzzweck ist es mal nur ein Streifen, mal sind es zwei oder mehr, die gerade oder in Kurven aufgeklebt werden und teilweise spannende Muster ergeben.

Die Kinesiotapes halten im Schnitt vier bis sechs Tage (Tipps dazu siehe S. 30). Wie sie wirken, dazu gibt es verschiedene Erklärungsansätze. „Der einfachste ist, dass durch die Wellenbildung der Bänder auf der Haut die Durchblutung an Ort und Stelle verbessert wird“, erklärt Physiotherapeut Sebastian Terjung. Dies wiederum spricht Faszien, Muskeln, Sehnen oder Gelenke an und beeinflusst so Schmerz-, Stellungs- oder Thermo­rezeptoren im ganzen Körper. „Zudem wirkt der Zug der Tapes wie ein Personal Trainer, der einen immer wieder an die richtige Haltung – Brust raus, Bauch rein – erinnert. Auch das hilft dem Körper wieder in die Spur“, ergänzt Orthopäde Rüdiger Hennig, der die Sportmedizin an den SRH Kliniken im Landkreis Sigmaringen leitet und Kinesiotaping seit mehr als zehn Jahren bei Athleten und Patienten einsetzt.

Für vieles und jeden

Seit ihrer Erfindung durch Kenzo Kase hat sich die The­rapieform kontinuierlich weiterentwickelt und umfasst nun mehrere Anlagetechniken, die bei Erkrankungen des Muskel-, Sehnen- oder Skelettapparates zum Einsatz kommen. Vor allem in der Vorbeugung, bei akuten Pro­blemen und zur Nachsorge. Bei Sportlern werden beispielsweise angeschlagene Bänder, Sehnen und Gelenke stabilisiert oder entlastet, sei es an Armen, Beinen oder im Rumpfbereich. „In der Physiotherapie setzen wir die Klebestreifen gern zum Lindern von Schmerzen ein“, erklärt Sebastian Terjung. Während Schmerzen über dünne, langsame Nervenbahnen an das Gehirn gemeldet werden, fließt der permanent leichte mechanische Reiz der Bänder auf der Haut über dicke, schnelle Leitungen. Er überdeckt so die Schmerzbotschaft. „Man braucht aber ein bisschen Geduld. Taping ist keine Tablette und auch keine Spritze“, merkt Mediziner Hennig an.

Tapings können die Muskulatur gezielt entspannen oder anspannen. Die Tiefensensibilität in Gelenken kann intensiviert werden: So haben Patienten etwa nach Kreuzbandrissen oder Meniskusschäden wieder mehr Kontrolle über ihr Knie. Spezielle Lymphtapings erzielen bei Patienten mit Lymphödemen gute Erfolge.

In ihrer Ursprungsform nach Kenzo Kase arbeitet Kinesiotaping nur mit Streifen in Blau und Rot: Blau wird gemäß der asiatischen Farblehre für kühlende, entzündungshemmende, schmerzlindernde Zwecke eingesetzt. Rot, wenn es ums Wärmen, ums Kreislaufanregen und Muskelaktivieren geht. Sebastian Terjung kann aber auch den neuen Varianten in Schwarz, Gelb oder Grün etwas abgewinnen: „Das Baumwollband ist überall das gleiche, aber die Hersteller müssen beim Durchfärben unterschiedlich viel Farbe benutzen. Das verändert leicht die Klebeeigenschaften des Tapes“, hat der Physiotherapeut festgestellt. Je nach Hautbeschaffenheit kann es so zum Beispiel vorkommen, dass dunkle Bänder auf einem ­Patienten besser halten als helle oder umgekehrt. Einen Versuch ist es allemal wert.

„Die Tapes verbessern die Durchblutung der Haut und beeinflussen so die darunter­liegenden ­Schichten.“

Sebastian Terjung, Physiotherapeut und Dozent an den SRH Fachschulen

Wissenschaft tut sich noch schwer

Egal welche Farbe zum Einsatz kommt: Hinreichend bewiesen ist die Wirksamkeit von Kinesiotaping indes nicht, wie Kritiker gerne betonen. Es gibt zwar Studien, die darauf hindeuten, dass die Therapieform hilft. Allerdings wurden dabei meist zu wenige Probanden untersucht, um wissenschaftlichen Anforderungen zu genügen. Hennig kennt diesen Vorwurf: „Jeder, der tapt, musste sich ihm schon stellen. Aber es ist einfach falsch, alles als Scharlatanerie abzutun, nur weil der evidenz­basierte Nachweis fehlt.“ Anderen Naturheilverfahren ginge es da ähnlich. „Unsere Erfahrungen aus der Praxis zeigen jedenfalls: Es wirkt.“

Weil der wissenschaftliche Beleg aber aussteht, wird Kinesiotaping nicht per se von den Krankenkassen bezahlt, sondern ist eine Individuelle Gesundheitsleistung, kurz IGeL. Mittlerweile gibt es einzelne Kassen, die aufgrund der positiven Erfahrungen die Kosten unter bestimmten Voraussetzungen ganz oder anteilig erstatten. Selbstzahler müssen pro Behandlung mit rund 20 Euro fürs Aufbringen plus Materialkosten rechnen.

„Unsere Erfahrungen aus der Praxis zeigen: Es wirkt.“

Rüdiger Hennig,Orthopäde und Leiter der Sportmedizin an den SRH Kliniken Landkreis Sigmaringen

Immer einen Fachmann ranlassen

Dass Kinesiotape mittlerweile aber schon für den Hausgebrauch in Drogeriemärkten oder bei Discountern angeboten wird, sieht der Sigmaringer Sportmediziner mit Unbehagen. In den meisten Fällen werden falsch angebrachte Klebebänder wohl keinen Schaden anrichten, weil sie schlicht nicht wirken. Aber das kann ja auch nicht das Ziel des Ganzen sein, findet Hennig. „Ich halte deshalb nichts davon, das selber zu machen, wenn man sich nicht auskennt.“ Denn zum einen werden Körper­teile immer in Funktionsstellung getapt, müssen also im richtigen Winkel gebeugt sein, damit der optimale Faltenwurf entsteht. Man könne, so Hennig, vielleicht noch die Finger und das Handgelenk selbst korrekt ausrichten, aber mit einer Beugung von 58 Grad, wie man sie beispielsweise beim Ellbogengelenk brauche, komme man alleine nicht mehr zurecht.

„Zudem werden Tapes da platziert, wo sie etwas bewirken sollen. Das ist nicht zwangsläufig dort, wo der Schmerz sitzt“, erklärt der Orthopäde. Bei Rückenproblemen zum Beispiel können je nach Ursache Klebebänder auf dem Rücken, auf dem Bauch, im Nacken oder an den seitlichen Rumpfmuskeln sinnvoll sein. „Einer Tapeanlage geht immer eine gute Diagnostik voraus. Ohne anatomische Kenntnisse erkennen und finden Sie die Muskelketten, an denen Sie arbeiten müssen, gar nicht.“ Man brauche zwar keinen ausgebildeten Taping-Lehrer wie ihn oder Terjung, aber eine 20-Stunden-Grundausbildung für das sportliche und 50 Stunden für das medizinische Taping solle ein Behandler schon abgeschlossen haben. Richtig angewandt, so sein Fazit, habe Kinesiotaping den aktuellen Boom aber tatsächlich verdient: „Das funktioniert wirklich.“

Text Ulrike Heitze Fotos Bernd Wichmann, Rüdiger Hennig, Marc Holzner
 

So hält das Taping länger

Haut sollte zum Tapen trocken und fettfrei sein. Deshalb vorab mit Seife oder Duschgel reinigen.

Stark behaarte Partien rasieren, damit die Streifen richtig halten und wirken. Erleichtert später auch das Entfernen.

Auf dermatologisch getestete Markenware achten. Das Material ist hypo­allergen und für Pflasterallergiker geeignet. Wer auf Nummer sicher gehen will, kann mit kleinem Streifen vortesten. Vorsicht bei Billigtapes. Sie ent­halten oft industrielle Klebstoffe, die Al­lergien auslösen können.

Wenn Juckreiz länger als 30 Mi­nuten anhält, spricht einiges für eine Al­lergie. Dann runter mit dem Tape. Kurzzeitiges Jucken ist normal und okay.

Die Baumwollstreifen sind wasserfest. Duschen, baden, saunieren, schwimmen in Salz- und Süßwasser ist erlaubt.

Tape immer nur trocken tupfen oder auf sehr niedriger Temperatur föhnen. Nicht rubbeln, das löst die Ränder.

Klebestreifen am besten nass entfernen, also beim oder nach dem Duschen. Oder mit Speiseöl einweichen.

Das Tape vorsichtig körpernah und in Haarwuchsrichtung abziehen. Dabei die Haut leicht gegenziehen.

Kleberückstände komplett entfernen, um Hautreizungen vorzubeugen.

Zwischen zwei Tapings einen Tag Pause einlegen, damit die Haut regeneriert.