Im Umgang mit dem Sterben – dem eigenen und dem geliebter Menschen – tun sich viele sehr schwer. Im SRH Hospiz Sachsen Thüringen arbeiten Ramona Badura und ihr Team engagiert daran, todkranken Menschen diese Last zu nehmen.

An guten Tagen fühlt es sich ein bisschen an wie Urlaub, findet Annemarie Löffler*. Dann leuchtet der Magnolienbaum vor ihrem Fenster in hellstem Rosa. Die Sonne spiegelt sich in den Fotos ihrer Tochter und ihrer Enkelin auf dem Sideboard. Und mithilfe der Pflegekräfte und eines Rollstuhls schafft es die 74-Jährige nicht nur bis zum Fenster, sondern zum Nachmittagskaffee runter auf die Terrasse. An schlechten Tagen raubt die Krankheit ihr die Luft. Dann hilft nur noch das Sauerstoffgerät neben dem Bett gegen die schlimmste Atemnot. Ihre Krankenpflegerin bleibt immer an ihrer Seite und streicht beruhigend über ihren Rücken, um die Panikattacken zu lindern. Annemarie Löffler hat eine unheilbare Lungenkrankheit. Vor Kurzem ist sie nach Werdau ins Hospiz des SRH Wald-Klinikums Gera gezogen, um hier die letzten Tage, Wochen oder Monate ihres Lebens zu verbringen.

Umfragen zeigen, dass die meisten Menschen in den eigenen vier Wänden sterben. Für Schwerstkranke ist dies aber oft unmöglich. Etwa, weil die Familie mit der anspruchsvollen Versorgung überfordert ist oder es keine Verwandten mehr gibt, die sich kümmern könnten. Dann ist der Umzug in ein stationäres Hospiz eine Alternative (s. Grafik). Dort werden unheilbar erkrankte Menschen in einem möglichst harmonischen Umfeld bis zum Tod begleitet.  „Wir stehen ihnen wie auch den Angehörigen in der schwierigen Zeit des Abschiednehmens und Trauerns zur Seite. Sie sollen in dieser Phase noch möglichst viel Lebensqualität haben“, erklärt Ramona Badura. Gemeinsam mit Projektkoordinatorin Bettina Schneider hat sie das im Februar 2018 in Werdau – zwischen Gera und Zwickau – eröffnete Hospiz aufgebaut und leitet es nun.

Für die langjährige Krankenpflegerin und Stationsleiterin am SRH Wald-Klinikum Gera ist es mehr Berufung als Beruf, Sterbende zu begleiten. „Ich habe meinen Vater bis zum Schluss gepflegt und dabei für mich festgestellt, wie wertvoll es ist, wenn man sich voll auf einen Menschen konzentrieren kann“, sagt die 52-Jährige. Deshalb hat sie eine Weiterbildung in Pallia­tivpflege absolviert, während sie den Umbau der ehemaligen Fabrikantenvilla zum Hospiz koordinierte. In dem aufwendig sanierten Gebäude, umgeben von einem Park mit altem Baumbestand und Gartenhaus, können bis zu neun Gäste gleichzeitig betreut werden.

Alles kann, nichts muss

Annemarie Löffler war selbst lange Pflegerin im Krankenhaus und kann es kaum fassen, dass sich das Team im Hospiz so viel Zeit für sie nimmt. „Egal, wann und wie oft ich klingle, es kommt immer jemand, um meinen Wunsch zu erfüllen. Und die Mitarbeiter finden immer den richtigen Ton. Ich hatte mir vorher solche Sorgen gemacht. Aber man kann hier einfach loslassen und sich gut betreut fühlen“, erzählt die 74-Jährige erleichtert. „Es ist wunderschön, dass ich hier tun – und vor allem lassen – darf, was ich möchte.“ Dass die Gäste ihre verbleibende Zeit selbstbestimmt verbringen können, ist Ramona Badura und ihren Kollegen wichtig: „Die letzten Tage sollen freie Tage sein.“ Auf Klinikroutine mit festgelegten Weck- und Essenszeiten wird verzichtet. Wer ausschlafen will, schläft aus. Wer auf Zähne putzen, Haare kämmen oder Mittagessen pfeift – auch gut. Der Gast gibt den Rhythmus vor. Für besorgte Angehörige sei das manchmal schwer zu verstehen und zu akzeptieren.

„Wir haben hier andere Prioritäten“, betont die Hospizchefin. Ihr Team aus 17 teilweise speziell weitergebildeten Pflegekräften und Sozialpädagogen wird ­unterstützt von den Werdauer Medizinern und Ehrenamtlichen. Sie sind so für die Menschen da, wie diese es gerade brauchen und wünschen. Die Mitarbeiter hören zu, wälzen mit den Gästen alte Fotoalben und Erinnerungen, trösten, stillen Schmerzen, reden, schweigen, lenken ab – und sind da, wenn es irgendwann doch zu Ende geht. „Wir schaffen hier einen Raum für Gemeinschaft und Rückzug, Sicherheit und Geborgenheit.“

Im neuen Hospiz können die Gäste zur Ruhe kommen.

Die Krankheit vergessen lassen

Im Wohnzimmer mit der stuckverzierten Decke und den großen Fenstern zum Garten können Gäste, die noch fit genug sind, mit anderen Bewohnern oder Angehörigen essen. Neben dem Fernseher bietet ein großes Regal Bücher und Brettspiele. Neulich haben Therapeuten und Gäste in der kleinen Küche Zwiebeln, Möhren und Speck geschnippelt, weil sich ein Gast eine Soljanka gewünscht hatte. Es wurde viel dabei gelacht.

„Wir versuchen, den Menschen schöne Momente zu bereiten“, sagt Ramona Badura und zeigt gerührt Fotos von einem Ausflug, den sie für einen vergleichsweise jungen Hospizgast auf die Beine gestellt hat. Krebspatient Thomas Mayer* konnte seinen geliebten FSV Zwickau noch einmal live im Stadion erleben. Auf dem Bild: ein gegen die Kälte dick eingemummelter Mann am Rande eines Fußballfelds, der das verschwitzte Trikot des Kapitäns hochreckt. Dieser hat es ihm kurz zuvor geschenkt, als die gesamte Mannschaft zum Abklatschen vorbeimarschierte. Der Mann im Rollstuhl ist zwar blass und hohlwangig, seine Augen aber funkeln. Für Thomas Mayers Eltern will Ramona Badura die Bilder zu einem Fotobuch zusammenstellen. „Es macht mich glücklich, dass er so eine Freude an dem Ausflug hatte, und vor allem, dass er seine Krankheit vorübergehend einfach ausblenden konnte“, sagt sie. „Diese Augenblicke wiegen das Traurige in meinem Beruf in jedem Fall auf.“

Als der 38-Jährige wenige Tage nach dem Ausflug stirbt, ist das für seine Angehörigen schwer – und für die Mitarbeiter. Nur zwei bis drei Gäste betreut jeder zur selben Zeit. „Über Wochen und Monate entwickelt sich da natürlich eine Bindung“, erklärt die Hospizleiterin. Deshalb bekommt jeder Kollege den Freiraum zum Trauern und Verarbeiten, den er braucht. Freiwillige Supervisionen mit Psychologen helfen dabei.

Ramona Badura arbeitet schon an der nächsten Überraschung: Eine alte Dame besuchte früher sehr gern Konzerte und liebt Violine. Jetzt fahndet Badura nach Musikschülern, die sich für ein Geigengastspiel im Hospiz gewinnen lassen: „Denn das ist es, was wir hier tun: Wünsche erfüllen.“ 

Ambulante und stationäre Hospizversorgung

Die Betreuung und Begleitung todkranker Menschen (Palliativversorgung) kann ambulant oder stationär erfolgen, wobei grundsätzlich erst alle ambulanten Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Die Patienten und ihre Angehörigen werden dabei im eigenen Heim unterstützt, etwa von Haus- und Fachärzten, speziellen Palliativmedizinern und ambulanten Hospizdiensten mit ehrenamtlichen Sterbebegleitern. Können Angehörige die Schmerz- oder Wundversorgung nicht mehr leisten, stößt ein Team der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) hinzu oder der Umzug auf eine Palliativstation wird nötig. Beides bietet das SRH Wald-Klinikum Gera.
Zusätzlich gibt es bundesweit rund 240 stationäre Hospize mit jeweils acht bis 16 Plätzen. Jährlich betreuen sie etwa 30.000 Sterbende. Für die Aufnahme gibt es gesetzliche Vorgaben: Der Patient muss eine unheilbare, fortschreitende Erkrankung haben, die voraussichtlich in absehbarer Zeit zum Tode führt, und eine Versorgung zu Hause ist nicht mehr gesichert. 95 Prozent der Unterbringungskosten übernehmen die Krankenkassen, den Rest bringen die Hospize auf, zum Beispiel durch Spenden oder Nachlässe.

www.dhpv.de
www.wegweiser-hospiz-palliativmedizin.de

Ramona Bardura hört geduldig zu, wenn Gäste aus ihrem Leben berichten.